Titel/Daten zu den Bildern in der Reihenfolge des Texts s. Post-Ende:
A.
LEGENDE MIT ANMERKUNGEN ZU DEN BILDERN IM TEXT DER
KUNSTSATIRE "AMERIKA WAR NICHT DADA"
Zwei thematische Beiträge folgen der Legende unter dem Titel:
B. KUNST UND UNKUNST – EXKURS MIT BILD-BEISPIELEN VON MANET-REMAKES UND OTTO DIX:
1. LE DÉJEUNER SUR L'HERBE: ZU REMAKES VON MANETS IKONE
2. ANMERKUNGEN ZUM WERK VON OTTO DIX
A.
DIE SITUATION
Wegschilder
bezeichnen ein Ziel, manchmal den Weg selbst, zum Beispiel: „Waldweg“. Meistens
merkt man sich nicht, was der Wegweiser anzeigt. Er zeigt in den Wald, man
verlässt sich auf ihn. Verzweigt sich der Weg, dann traut man dem Wanderwegwesen
und sagt sich: Der Wald ist klein, alle Wege führen zum Ziel. Man kann sich
täuschen. Stadtwaldbesucher denken so. Ich bin mit solchen Gruppen nicht intim,
zähle bloss zufällig in Eingangs- und Waldrandbereichen dazu. Das dort gehäuft
verkehrende Spaziergängertum verachte ich. Die sportliche à la mode Variante
der Jogger ärgert mich krank. Die Grösse von Wäldern ist nach meiner Erfahrung
schwer einzuschätzen. Für mich können Forste nicht gross genug sein, ich treibe
mit Abwegen mein Spiel, lass es drauf ankommen mich zu verirren.
Mit
diesem Wald verhält es sich besonders. Der beschilderte Spazierweg verzweigt
sich also, das ist normal. Doch seine Besucher schlagen sich bald in einem
Labyrinth sich kreuzender Holzwege und Fährten durch Unterholz. Der Moosboden
federt unter ihren tappenden Schritten. Zu ihrer Überraschung lichtet sich der
Bestand nach einer Weile. Aufatmend gehen die Besucher durch einen gepflegten
Buchenwald. Erst befremdet, dann neugierig beginnen sie an den Stämmen Tafeln
zu entdecken, lesen aufgemachte Schlagworte, Programme, Pamphlete, Kurzverse.
„DADA FÜHRT ZUR AUFHEBUING DES KUNSTHANDELS!“ steht da. Oder „DUCHAMPS HAT
RECHT, SCHACH DEN SPEKULANTEN!“ Unter dem Slogan ist mit einem schwarzen
Hufnagel ein Glacéhandschuh aufgespiesst. An einem weiss gestrichenen
Buchenstamm hängt ein Eselsschwanz. „ZIEHEN ODER DEN SPECHT RUFEN“ steht auf
einem Zettel darunter. Gegen aufkommende Verwirrung kann man sich nur mit
lustvoller Hingabe wehren. Verwunderung zulassen, selbstvergessen gehen und
schauen, lesen und traumwandlerisch weitergehen. Nicht mehr fragen.
Die
Besucher treten jetzt auf eine kleine Lichtung. Am Ufer eines Bächleins ist
eine Picknickszene komponiert. Aus Gips, erraten sie aus Distanz und brauchen
nicht zu raten, es handelt sich um die plastische Nachbildung von Manets
berühmtem „Déjeuner sur l’herbe“. Zwei Krinolinen sind bauschig mit
Wäscheklammern an einem zwischen glänzenden Stämmen gespannten Seil aufgehängt.
Neben der steifen Stofffülle ihrer Volants und Rüschen baumeln zwei schwarze
Melonen. Eine der beiden Demoisellen sitzt nackt auf dem blauseidenen Stoff
ihres Unterrocks. Dieser weckt den Anschein, nicht ganz unfreiwillig von ihren
Schultern auf das Gras geglitten zu sein. Ihr rechter Arm ist auf ihr angewinkeltes
Knie gestützt, ihre Hand berührt das Kinn, während ihr Blick mokant auf die
Besucher gerichtet ist, welche neugierig an die Szene herantreten. An ihrer
Seite und vis-à-vis sind zwei in noble schwarze Spazierröcke gekleidete Herren
platziert. Das plastische Rohmaterial ist fein bearbeitet. Leuchtend samtweiss
kontrastiert der Frauenkörper zur Kleidung der beiden Begleiter.
Der
zur Linken der Dame sitzende Herr hat, wie man herantretend im Detail erkennt,
seine Linke auf das Knie seiner napoleonischen Tafthose gelegt und stützt sich
in intimer Nähe ihres nackten Körpers auf seinen rechten Arm. Er ist dem
anderen Herrn zugewendet, welcher auf einen Ellbogen gelehnt der Dame gegenüber
lagert und seinem Kollegen mit einer eleganten Geste der erhobenen Hand etwas
zu erklären scheint, während sich dieser den Sachverhalt in Erwartung der
Pointe mit verhaltener Spannung vorzustellen scheint. Der nackte Fuss der Dame
ist frivol zwischen den lässig gespreizten Hosenbeinen des Sprechenden ins Gras
gesetzt. Die Gesichter und Hände der Herren recken sich in vornehmer Gipsblässe aus Vatermördern und Manschetten.
Ihre Mienen sind scharf geschnitten. Beide tragen schwarze Perücken und
Barttracht. Der Causeur mit dem modisch frisierten Vollbart hat eine schwarze
Mütze mit Zottel aufgesetzt und in seiner Brusttasche steckt eine rotweiss
gestreifte Seidenpochette. Eine Uhrkette glänzt an seinem Veston, die rechte
Hand dreht spielerisch ein schlankes Spazierstöckchen.
Im
Hintergrund des Arrangements steigt eine zweite Dame eben aus dem Waldteich, in
welchen sich das Bächlein ergiesst. Sie soll wohl im seichten Wasser ein
Fussbad genommen haben und schürzt mit der linken Hand über dem Geschlecht
ihren durchsichtigen Unterrock. Die rechte Hand scheint am Ufer Halt zu suchen.
Im Vordergrund liegt auf einem weissen Tuch neben der Dreiergruppe ein
umgekippter Picknickkorb. Weissbrote und Früchte scheinen auf das Tuch
gekollert zu sein. Appetitlich liegen Aprikosen, Feigen und Kirschen wie
zufällig auf Weinblättern arrangiert, an ein altniederländisches Stillleben
erinnernd, aber nicht in naturalistischer Manier gemalt, sondern - echt!
Rotweinflaschen, Gläser und Porzellanteller stehen um einen Brotlaib bereit.
Die gebratene Gans ist genau so echt wie der Bordeaux und der rosarote Lachs,
der zart geschnitten auf einer Silberfolie ausgelegt ist. Man darf riechen, ja,
es wäre wohl nicht anstössig von den Freuden des Lebens zu goutieren.
B.
DIE AKTION
Aus
dem dichteren Wald, in welchen ein lauschiger Weg weiterführt, sind laute Stimmen
zu hören. Es scheint, dass sich von dort her eine Gruppe in erregter
Unterhaltung dem Platz nähert. Vielleicht haben Spaziergänger zwischen den
Buchen den Weg verloren und suchen den Durchpass zur Lichtung. Oder sie
streiten sich über irgendeine Sache. Jedenfalls macht jemand Lärm, eine sonore
Männerstimme scheint noch Zögernde zu resolutem Handeln zu zwingen und ein
Recht zu behaupten. Und schon taucht zwischen den Stämmen die Gestalt des
Wortführers auf. Ein wuchtiger kleiner Mann im schwarzen Cutaway bahnt sich den
Weg an den Rand der Lichtung, gefolgt von einem zweiten schlankeren Herrn, der
in seiner Linken einen gefalteten Sonnenschirm vorstreckt. Dieser trägt
sportliches Braun und auf dem Kopf eine dazu passende Melone. Eine Dame ordnet
im Gehen unter einem blauen Hütchen ihre Frisur, während ihr Kavallier mit der
Stockspitze des pikant roten Sonnenschirms auf eine Sitzgelegenheit hinzielt.
Der feiste Kleine mit dem Karl Marx-Bart donnert einen jungen Gehilfen an, sich
zu beeilen. Der springt mit einem zugespitzten Pfahl aus dem Wald, an welchem
eine Tafel befestigt ist, und stösst ihn mitten durch die Lachsfolie in den
weichen Waldboden. „DAS SCHAMGEFÜHL VERLETZEND, DER STADTRAT“ steht auf der
gartenmöbelweissen Verbotstafel mit Hinweis auf den einschlägigen
Sexualstrafrechts-Paragraphen. Der Wortführer greift nach einer Flasche
Heinz-Ketchup auf dem weissen Tuch und markiert den Amtsakt mit Spritzern des
Inhalts an der Pfählungsstelle. Dann lässt er sich breit und stöhnend neben der
nackten Gipsdame auf den Waldboden nieder.
Da
sitzt er mit einer roten Heiderose im obersten Knopfloch seines Cutaway. Er hat
sein Knie hochgezogen, scheint jetzt freundlich, wenn auch kurz zu atmen und
schenkt sich vom Weissen ein. Eine zweite Dame, welche sich in ihrem schwarz getupften Rüschenrock inzwischen
neben ihm niedergelassen hat, reicht ihm einen leeren Porzellanteller, auf
welchen er mit seinen kurzen Fingern eine Portion Lachs häuft. Die erste Dame
hat ihre Frisur geordnet und setzt sich, indem sie umständlich ihre Rocksäume
rafft, zu ihrem Begleiter, welcher gerade aus beträchtlicher Höhe Wein in drei
Gläser sprudeln lässt. Die Besucher stehen noch etwas verwirrt in sicherem
Abstand von der Szene. Doch der gedrungene Herr mit dem Karl Marx-Bart macht
eine einladende Geste und schnippt mit dem Finger, worauf der junge Gehilfe
schon ein lukullisch gedecktes Tischchen apportiert, welches hinter Gesträuch
versteckt war. Schnell sprudelt Schaumwein in den Kelchen. „Der Lachs ist
gepfählt, kommen sie!“, ruft der Herr, dessen Dali-Schnauzspitzen sich jovial
zugedreht über seinen roten Backen aufstellen. „Kommen sie, geniessen Sie vom
Chateau Montfort Brut zu Lachs. Versteht
sich: von unserem besten auf Eichenholzspänen geräucherten Balik! Bitte,
verfallen sie nicht dem Irrglauben, dass die Kunst hungere! Ich ertrage als
Künstler nichts weniger als hungerleidende Spaziergänger und Kunstbetrachter.“
Er erhebt, ohne sich selbst zu erheben, sein Glas und lädt zum Frühstück:
„BITTE NEHMEN SIE KEINEN ANSTOSS, STOSSEN SIE AN!“
C. IRRGANG DURCH DIE UNVOLLENDETE SYNTHESE VON NATUR UND KUNST
Es
zwitschert aus dem Waldgrün. Die erfrischten Besucher spazieren auf
knirschenden Sandweglein weiter durch bald romantisch lauschige, bald klassisch
gelichtete Partien des Walds. Im Umkreis von Auktions-Kunststücken, die
überraschend und wie zufällig zwischen den Buchenstämmen postiert auftauchen,
bieten sich bunte Gartenstühle und Bänklein als zivilisierte Sitzgelegenheiten
an. Auf ihnen sind Kissen aus schwarzen, fluoreszierend grün bemalten
Plastik-Abfallsäcken verteilt, die mit Altpapier gefüllt und von gelben
Klebbändern zusammengehalten werden. In verschiedenen, teils schwindelnden
Höhen der Stämme sind Kunstobjekte und Täfelchen mit magischen Symbolen,
Wörtern und Zahlen angebracht. Obszöne oder magische Zeichen sind in die Rinde
der Buchenstämme geschnitzt oder eingeritzt, hier eine Möse, daneben der Preis,
dort ein Herz, von einem Pfeil durchbohrt oder entzwei geteilt. Versonnen
bleibt man stehen und betrachtet, eine darüber festgenagelte Tafel lesend, die
durch die Rinde tief ins Fleisch eines Baumstamms gehauene „LENDENWUNDE DES
UNBEFLECKT EMPFANGENEN“, eine mit Blutgerinseln gefüllte und einer Mandorla von
gefiederten Pfeilen umkränzte Narbe, und hört aus Fernen den ersterbenden
Naturton eines Waldhorns. „ALTHERRENBRANDY – BORING OR BLING?“ steht neben
einer Flasche Smooth Scotch Whisky mit Eiswürfeln auf einem türkisblauen
Gartentisch. Eine Reitpeitsche auf einem ledernen Couch oder ein ledernes
Schnürkorsett auf einem schlanken Barhocker deuten Extras an, unverkäuflich,
aber offenbar gratis zum Gebrauch, man stellt keine Fragen, die Kundschaft ist
käuflich. Schildkröteneier liegen zerstreut im Moos herum und inmitten
scheinbarer Wahllosigkeit ist das Original von Pablo Picassos „DEJEUNER SUR
L’HERBE“ als bewegliches Mobile auf Farbbildschirm projiziert. „PREISFRAGE“,
tönt es in bühnenreifer Diktion aus unsichtbaren Lautsprechern: „1. Anna Blume
hat einen Vogel 2. Anna Blume ist
rot 3. Welche Farbe hat der Vogel?“
Worauf es wie von einer alten Schallplatte schmachtend zu einer Schlagermelodie
fispelt: „Blau ist die Farbe deines gelben Haares, rot ist das Girren deines
grünen Vogels. Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes grünes Tier,
ich liebe dir! - Du deiner dich dir, ich dir, du mir. - Wir? Anna, weisst du es
schon? Man kann dich auch von hinten -, du bist von hinten wie von vorn
gelesen: A-N-N-A“.
Preisfrage.
In einem Glücksspiel könnte man, wäre man mit den Regeln vertraut, auf Zahlen
und Symbole setzen wie an der Börse auf Titel und Renditen. Gewinn ist immer
Spekulation, die Chancen steigen und fallen mit dem Spiel. Man lässt sich im
Kunstkasino lustvoll auf das Entdecken ein im Vertrauen darauf, dass sich das
Regelwerk im Spiel selbst entziffere. Man lässt sich sogar willig verwirren
ohne nach dem Sinn und Zweck des Spiels zu fragen, denn schnell ist man nach
seinen sinnlichen Symbolen süchtig. Ihre Magie beginnt zu wirken, indem sie
sich beliebig als Idole benützen lassen, um unversehens zu Quellen intimster Wünsche, Verheissungen, Versprechungen oder
Beschwörungen zu werden. Man setzt sich schauend auf eine der einladenden
Gelegenheiten, einen Pelzhocker oder einen Hintern aus Emaille, oder man geht
erforschend durch die verwunschene Kuckucks-Waldeinsamkeit. GURLITT, GURLITT
gurrt eine Waldtaube. Zwischen den gespreizten Beinen einer Bockleiter hängt
die Anleitung: „HOCHSITZ FÜR DEUTER DES VOGELFLUGS“. In den nächsten Stamm
geritzt ist ein Penis, ja, im Wald ist primitive Populärkunst genauso
verbreitet wie im Pissoir. „FUCK ME !¨ steht darunter. Ein Vogelnetz mit klaffenden Rissen und bunt
bedruckten textilen Flicken spannt sich lose zwischen Stämmen. Poppig
gespritzte Kotflügel baumeln über dem Waldboden, rote Hecklichter schillern,
Schimären der Anderswelt. Auf einer Verbots- oder Schutztafel liest man: „DIE
UNZERSTÖRBARE WIRKLICHKEIT!“. Man nimmt sich die Freiheit, die drei Worte als
Titel der kuriosen Komposition zu interpretieren, nichts ist durch die Tafel
tabuisiert. Aus einem der vielen verborgenen Lautsprecher hört man überrascht
die eigene Stimme, von versteckten Mikrofonen aufgenommen, welche jedes
Gespräch, jedes noch so zaghafte Flüstern, jeden durch die Objekte entlockten
Ausruf der Besucher über den ganzen Raum hörbar verstärken. Die verwirrende
Symphonie der Stimmen durchklingt Vogelgezwitscher und das unbeirrte Liebeslied
einer Amsel. Oder war es die Nachtigall?




D. AUKTION
Man verlässt das versponnene Idyll und merkt irritiert, dass der Wald sich lichtet. Hinter den Silhouetten der Bäume zeichnet sich das Schattenspiel hektischer Aktivität ab. Die Neugier ist geweckt. Polizeiliche Tatbestands-Aufnahme? Spurensicherung auf dem grell bestrahlten Schauplatz eines Mords? Lustmord im Wald, nackte Leiche in Lache versickernden Bluts? Doch keine Absperrung hält die sich vorsichtig nähernden Besucher auf. Blendend weisse Stellwände werden verschoben. Die Natur wird zum mobilen Atelier umgestaltet, museale Räume mit Passagen gruppieren sich transparent um eine Art von Freilichtsaal. Auktion als Kunstaktion im Progress bereitet sich vor. Eine Kunstwert-Schätzung, welche die Preise auf den Kopf stellen und den Handel global beflügeln wird, veranstaltet sich mitten im Wald. Ein Ort mit den nötigen Fazilitäten, Lounge, Restaurants, Bars, mit kuratorischer und juristischer Beratung, Management und Bankverbindung. Alles kommt an, ist hier, hoch versichert, von Folie umhüllt und wattiert in Kisten verpackt oder schon ausgepackt zu sehen, von teuersten Artefakten bis zu qualifiziertem Fake, abgebildet in glamourösen Farbkatalogen, mit Gutachten registriert, zertifiziert. Die eigenen Wünsche, auf Monitoren und Wänden projiziert, sind hier zu ersteigern. Als Objekte auf Sockeln und in Stilrahmen ausgestellt, teuer, geschliffen, aus Messing, Marmor, reine Suggestion käuflicher Körperlichkeit, die man mit dem eigenen Leib, mit der eigenen Berührungssehnsucht bezahlt, die sich hinter auffaltbaren Wandfluchten zu immer neuen Objekten stilisiert, ausstellt, prostituiert und ins Masslose steigert, weil sich ihre Kreationen stets verwandeln und dem suchenden Blick wieder entziehen. „Das Denken ist kein Beweis für das Ich, sondern das Ich ist ein Postulat des Denkens“. Wer ist der Klugscheisser, Descartes oder Van Hoddis? Das ICH ist doch ein Postulat der monetären Potenz.
Eine
Empfangsdame mit teetassengrosser Brille führt die waldlufterfrischten
Kunstbesucher durch das Areal. Ihr überlanger roter Zeigefingernagel heftet
unser Grüppchen für einen flüchtigen Augenblick an einen bereits gehängten
Entwurf zu Picassos „LES DAMES D’AVIGNON“. Avignon habe eigentlich ein Puff in
Barcelona und nicht die Stadt im Medoc bezeichnet, werden wir belehrt, und der
wie mit dem Beil aus einem Holzblock zugehauene Körper stelle den
ursprünglichen Versuch eines revolutionären Raumkonzepts dar, das bekanntlich
um 1909 unter dem Namen Kubismus Furore gemacht habe. Die als Kopf gleichsam
aufgesetzte Holzmaske sei der Tanzmaske afrikanischer Fruchtbarkeitskulte
entliehen, fertigt sie uns mit wegwerfender Verbindlichkeit ab und eilt zur
nächsten schon behangenen Bildwand voraus. Ich klopfe im Vorbeigehen auf eine
Holzkiste mit dem Stempelaufdruck „GEORGES GROSZ“ und frage eine Stirnrunzel,
welche diese gerade auf Rollen heranstösst, was da drin sei. „Skizzen,
Entwürfe, Druckgrafik und Gedichthandschriften, Publikationen in
linkspolitischen Blättern der Räterevolution und der Putschzeit nach 1919, kurz
DADA“, sagt der Mann und schiebt höflich nach, wie er errate, sei das Inventar
an diesem Ort wohl nicht weiter erklärungsbedürftig. Schon macht er sich mit
einem elektrischen Schraubenzieher an der Kiste zu schaffen.
Ich folge zur nächsten Stellwand, die langbeinige Kunstführerin ist nicht abzuschütteln. Die Zuhörer durch ihre pinkgetönten Gläser fixierend erklärt sie gerade: „Hier hängen wir eine besondere Preziose: Von dem auf obskure Weise verschollenen Bild ‚LUSTMORD‘ von Otto Dix aus dem Jahr 1922 hatten wir bisher nur einen Schwarzweiss-Abzug. Unter glücklichen Umständen ist das Ölgemälde wieder aufgetaucht und als echt klassifiziert.“ Mit ihrem knallroten Zeigefingernagel deutet die Dame auf die durchschnittene Kehle und das verdrehte Auge der über blutigen Laken liegenden Prostituierten und kommentiert: „Beachten sie bitte das kunstvoll künstliche Arrangement! Aus der pedantisch gemalten durch Firnis verstärkten Künstlichkeit der Blutspuren wie auch aus der zum Körper parallelen Anordnung der herausgezerrten Bettlaken resultiert ein starker Verfremdungseffekt.“ In diesem Moment schrillt der Bosch-Schraubenzieher am Deckel der Grosz-Kiste auf und unterbricht unsere Unterrichtung. Die irritierte Kunstpädagogin dirigiert uns weiter und ergänzt ihren Kommentar im Gehen: „Dix‘ Mittel - Parallelisierung, Kontrastierung, Spiegelung, Verzerrung, Disproportionalität und die Sorgfalt und Stimmigkeit, mit der er sie einsetzt -, weisen darauf hin, dass Verfremdung nichts anderes als Distanzierung vom extremen Thema und damit, im Ansatz zumindest, Bewältigung bedeutet.“
Ich
bleibe kopfschüttelnd stehen und konzentriere mich auf einen Text, den ein
Weisskittel soeben neben dem Bild auf die Stellwand bostitcht: „Dix äussert
sich zur Demonstration des Grotesken mit malerischen Mitteln über ein im
Grabenkrieg und im Sexual-Milieu Berlins erfahrenes Prinzip (Zitat): ‚Der Leib
der nicht offiziellen und intimen Rede ist ein befruchtend-befruchteter, ein
gebärend-geborener, verschlingend-verschlungener, ein sich trinkender, sich
entleerender, kranker, sterbender Leib.‘“ Mit Hinweis auf eine von Dix 1918
gemalte Gouache „SCHÜTZENGRABEN“, welche neben dem Bild „Lustmord“ hängt, lese
ich den Kommentar: „ ‘LOSHABEN WOLLT ICH’S!‘, soll Dix gesagt haben. Er meinte
seine Alpträume von den ‚Schrecken des Kriegs‘, welche er in explosiver
Gestaltung und schrillen Farbtönen auf’s Blatt oder Karton warf. Doch nicht für
seine Darstellung der Kriegsgreuel, der Verstümmelung, der Vertierung und des
Leichengewühls nach dem Artillerie-Bombardement, sondern wegen ‚VERBREITUNG
UNZÜCHTIGER DARSTELLUNGEN‘ wurde er auf den Index gesetzt und kam in den
Prozessen von 1923 nur dank dem Gutachten eines angesehenen Künstlers älterer
Generation von der Verurteilung frei. Ein Jahrzehnt danach gerieten Dix‘ Werke
allerdings mit dem Stempel ‚ENTARTET‘ in die Liquidationsmasse der
nationalsozialistischen Zensur.“
Nerventötend schreit die Grosz-Kiste, als der Weisskittel mit dem Brecheisen ihren Deckel aufreisst. Ich setze gemächlich um drei Stellwände herum unserer Führung nach und schnappe gerade noch den Kommentar: „Hier ein aus dem geplünderten Nachlass eines aufgelösten Teils der Kornfeldt-Stiftung glücklich wieder angebotenes Original aus der Mappe ‚GOTT MIT UNS‘ von 1920. Grosz publizierte die Zeichnung unter dem Titel ‚DIE KOMMUNISTEN FALLEN UND DIE DEVISEN STEIGEN‘.“ Ich sehe ein rabiates Bajonettgestech Behelmter gegen kommunistische Demonstranten. Im Vordergrund der wilden Strassenszene hocken zwei bürgerliche Spekulanten prostend und palavernd am gedeckten Tisch. Dass Grosz zusammen mit seinem literarischen Freund und Verleger Herzfelde wegen „GROBER VERUNGLIMPFUNG DES REICHSHEERES IN NIEDERTRÄCHTIGSTER WEISE“ von der Staatsanwaltschaft angeklagt und gebüsst wurde (im Spiel war auch eine Offizierspuppe mit Schweinskopf), erwähnt die Dame, entweder in Unkenntnis der historischen Hintergründe oder weil sie es für kunsthistorisch bedeutungslos hält, mit keinem Wort. Was ich nicht wusste, lese ich auf einer Affiche: dass nämlich auch die kommunistische „ROTE FAHNE“ die dadaistischen Frechheiten und Perversionen geisselte, und zwar nicht nur deshalb weil solche Unkunst den Ernst der Arbeiterrevolution verkenne, sondern auch weil ihre Urheber die Kunst selbst dem Spott preisgäben. Nachdem die Mappe auf Weisung des Reichswehrministers Dr. Gessler in Einstimmung mit General von Seekt konfisziert worden sei, lese ich, habe Grosz aus Überzeugung seiner gesellschaftskritischen Mission als Tendenzkünstler den Satz notiert: „DER JOURNALISTISCHE TAGESZEICHNER MIT ANSCHLUSS AN DIE ROTATIONSPRESSE WIRD NOCH LEBEN, WENN DIE STAFFELEIBILDMALER LÄNGST GESTORBEN SIND“.
Ich
sehe unser Grüppchen gerade folgsam durch einen Ausgang vom Schauplatz
verschwinden. „DIE REALITÄT ÜBERTRIFFT DIE FIKTION“, lese ich auf einem
Transparent über der Passage und betrete die Halle, welcher ihre pure Höhe
einen sakralen Charakter verleiht. Wir stehen jetzt alle aufblickend unter einer
gigantischen Installation. Ein stielloser Hammer aus brandschwarzem Holz hängt
mächtig in der Verkürzung des schlotartig hochgezogenen Raums. Seine gespaltene
Finne spreizt sich wie zwei Schenkel oder Flügel. In einer Sanddelle am Boden
des Raums liegt ein monumentales Ei. Eine Color-Negativ-Projektion von Orwill
und Wilbur Wrights filigranem Doppeldecker in einer Strandlandschaft vor grauem
Seehorizont weckt den Wunsch aufzufliegen. Beseelt von diesem Wunsch treten wir
durch einen Fluchtspalt in ein pinkrot leuchtendes Boudoir. An dessen vier
Spiegelwänden glimmen und erlöschen im Kreiswechsel fünf Wörter, welche sich
zur These „GELD IST ABSTRAKTION IN AKTION“ fügen. Auf kuschelweichen Teppichen
verteilen sich flache Kautschs und Sitzpolster. Dazwischen recken sich vier in
brandroten Plüsch eingekleidete Raketen, einer fünften ist ein türkiser
Gummikondom übergezogen. Während gleichzeitig der Satz „N’ IMPORTE QUOI PEUT
ÊTRE DE L’ART“ - bald als schmeichelnde Verführung, bald als kategorische
These, bald als mokantes Variété-Olàlà moduliert - die Intimität des Raums
durchschallt, stecken sich acht Teilnehmer einer Nacktparty gegenseitig - dem
Sinn nach den Geschlechtsakt vollziehend - den Zeigefinger bis zum Orgasmus in
den Hals. Nicht wie Forstwarte uniformierte Museumswächter, sondern wie
Psychiatrieärzte gekleidete Kunstakademiker/innen verschliessen die Räume
hinter den aus dem Kunstwald tretenden Besuchern, indem sie die Wände
gegeneinander verschieben.
E. KAHLSCHLAG
Im
Tageslicht reiben sich die Besucher die Augen. Der Himmel leuchtet mint-grün.
Das Auge adaptiert sich. Der Föhn zoomt die Schneealpenkette heran. Hodler
lässt grüssen. Und sein baumstarker Holzfäller schwingt das blitzende Beil. Mit
der Waldidylle ist es vorbei. Die Landidylle streckt ihren blendenden Horizont
aus. Eine Bresche ist von Nordwesten tief ins Gehölz hineingetrieben. Hat sich
am Waldrand ein Orkan ausgetobt oder treibt ein Holzkonzern Raubbau am
Kulturwald? Hier wurde und wird aufgeräumt. Gründlich. Durch- und übereinander
geworfene, ineinander verkeilte und notbehelfsmässig zersägte Stämme türmen
sich. Strünke und Stammzylinder ragen wie Mörser und Kanonenrohre aus dem
Tohuwabohu und zerschlagenes Reisig deckt den Riesenhaufen wie Tarnwerk. Die
vollkommen undurchdringliche Unordnung ist überflüssigerweise mit gelben
Bändern abgesperrt und von Zutrittsverboten gesäumt. Über dem Ganzen pendelt
ein kreischendes Biest an einem beweglichen Galgen, packt und zerrt Stämme
einzeln hoch, schält und entzweigt sie sägemehlstäubend im Flug und schmeisst
sie mit Schwung auf einen Stapel, von welchem mechanische Greifklauer sie
wendig auf Holz-Sattelzüge verladen. Über allen Wipfeln schrillen die
Bandsägen, kreischen die Schälroboter, schrammen die Greifklauer, wummern die
Schüttelzahnbagger. Tief unter uns brummen die Verkehrsadern durch den
Lebensraum, während sehr hoch oben die Jets still ihre filigranen Netze aus
kondensierter Luft weben. Unaufhörlich verdichten die Medien indessen im Land
die digitale Sulz um uns herum, in welcher wir uns freiwillig konditionieren
und konservieren lassen.
Ein
suchtartiges Verlangen nach Stille und Waldeinsamkeit befällt mich. In eine
unwiderstehliche Ohnmacht hinsinkend träume ich einen Sekunden-Wachtraum: Ich
lagere in der Waldwiese und stütze meinen Arm sitzend auf das Knie von Monets
Mann mit dem Karl Marx-Bart. Grunzend reicht mir der wahrhaftige Hipster-Opa
aus der Tasche seines schwarzen Rocks eine Zigarre aus auserlesenstem Tabak mit
einem Mundstück aus schwarzer Schokolade, das alsbald süss auf meiner Zunge
zerfliesst. Hingegossen an die Statik seines Knies geniesse ich den Augenblick
des ersten Zugs und träume mir über den Dächern und Wäldern von Zürich den
grenzenlosen Himmel von Paris und Fontainebleau. Doch alsbald reisst mich der
unselige Lärm aus der erträumten Idylle und bohrt sich als Gedanke in mein
Hirn: Ein Blinder, denkt es sich, wird das Gekreisch in der Luft mit den
Balzschreien eines Flugsauriers identifizieren. Ich aber habe das Unglück, dass
ich nicht blind bin, sondern sehe. Es gibt sie nicht: die Flucht zurück!
Endgültig verstellen Stellwände den Fluchtweg in ein Labyrinth der Erinnerung
ohne Ausgang.
Das
Kunstwäldchen ist schutzlos. Ist der erste Holzschlag noch Kunst oder schon der
Anfang seiner Beseitigung? Handelt es sich bei dem Gewaltakt noch oder
überhaupt um Kunst? Die Waldbesucher ahnen: sie sind Zeugen einer radikalen
Intervention! Erleben sie das symbolische Einschlagen der Bauprofile des
Landesumbaus? Oder sogar den Anfang der Umsiedlung der Heimat in den
Untergrund, die programmatische Exstirpation des Heimatlichen, oh Schreck, die
brueghelsche oder meidnersche Vision in einem, die Vermaulwerfung des Menschen,
seine Rückflucht in die zerbrochene Eischale, seine Verstümmelung und Vertierung
im Uterus des Kriegs?
Ich
täusche mich nicht, nein, es ist keine Sinnestäuschung: Auf einem Strunk vor
mir, mit dem Rücken zum Panorama hockt mit rauchender Pfeife der
Lackschuh-Indianer und Dandy Georges Grosz und zieht sieben Jahre nach dem
Ersten Grossen Abschlachten sein kunsttheoretisches Fazit. Er blinzelt schlau:
„DER MODERNE BÜRGER VERDAUT ALLES“, sagt er deutlich. Ich täusche mich nicht,
Grosz blinzelt, über seinem linken Knie hängt ein amerikanischer Schlapphut, in
seiner Rechten hält er eine Zeitung umklammert, auf deren Titelblatt ich die
Schlagzeile lese: „DADA IST ILLUSIONSFEINDLICH!“ Nach einer Pause sagt Grosz:
„Wir haben uns nicht getäuscht: Die Kunst bleibt wirkungslos, der Markt
konsumiert sie.“ Er hält mir seine Zeitung hin, ich ergreife sie und lese:
„1914/18.
Die Distanz der Kunstbetrachtung löst sich auf. Die Enttabuisierung beginnt.
Kunsthistorisch gedeutet wird der Betrachter nolens volens zum Protagonisten
einer Apokalypse. Erfahrung setzt sich life in Kunst um, formalisiert sich,
damit sie verkraftbar wird. Kunst wird Lifeshow, verwandelt Welt formal in ein devorierendes Monstrum, das ihren Konsumenten nicht erbaut, sondern verstört
und konsumiert. „Die Lichter gingen aus“. Die Menschheit „schlitterte in den
Krieg“. Ein Blutrausch hat den Menschen gepackt, er aufersteht in Nacktheit.
Der orgiastische Sog reisst ihn in den Kampf, in die Verschmelzung der
Geschlechter. Granatendrehbänke singen, Geschützmontagebänder rollen, Geschosse
explodieren. Der Mensch quält sich durch Strassen brennender Städte, durch
Sodom und Gomorrha. Er stürmt und flüchtet sich in Gräben und Unterstände.
Schutzräume verwandeln sich in halluzinierende Lazarette, Kreisssäle und
Folterkeller. Heimgekehrt irrt er arm-, bein- und gesichtslos durch die Strassen
oder er legt sich eine Herren-Fratze zu und organisiert Versorgung, Produktion,
Begattung, Kasino, Kino, Karriere, Partei und Wiederbewaffnung.
Und der Künstler, solange und sofern er ihr
entrinnt, hält sie fest, malt verstört und karikiert die Zerstörung, den Krieg,
die Maschine, das Kasino, die Fratze, den Zuhälter, den Karrieristen, den
Waffenschieber und Kriegsgewinnler, die schöne neue Bürger- und
Herrenmenschen-Herrlichkeit, die „Stützen der neuen Gesellschaft“, ihre
Kaufkraft und die Ordnung der Käuflichkeit. Indem er diese und was aus ihr
herauswuchert gestaltet, aus Degout vor ihrer Verlogenheit, wird ihm „die Kunst
der Zerstörung zur schaffenden Lust“. Die These Bakunins ist seine Losung.
Biedere Frage eines Entrüsteten: Soll das Kunst sein? Gegenfrage: Kann Kunst
die Welt verändern, wenn sie nicht
anstösst, wenn sie die Welt nicht entstellt, wenn ihre Farben nicht schreien?
Der Künstler muss farbblind sein, lautet ein kunsttheoretisches Paradox. Er
sieht den Himmel mintgrün und die Landschaft pink. Er bildet sich ein, dass
Kunst bilden und aufrütteln, dass sie den Menschen verändern werde. Doch der
schöpferische Hochflug erweist sich als klassischer Wahn. Der „Aufbruch“ nach
der Ersten Globalen Abschlachtung ist folgenlos. Der Mensch ist farbtaub und
lärmblind: nichts bewegt ihn ausser: Sex und Skandal. Oder wie er überlebt.
Physisch. Oder dann sucht er sehnsüchtig das Schöne, die reine Form. Er lässt
zu, dass der Markt die Kunst zum Börsenwert versilbert und verhindert nicht,
dass sie voraussehbar als „entartet“ stigmatisiert wird.“
Ich reiche Grosz die Zeitung zurück. „Ja“, sagt er: „In der Republik ging es der Regierung um die Sicherung des Bestands gegen Revolution von links und Putsch von rechts. Aber die bürgerliche Mitte war gespalten und wurde aufgerieben.“ Grosz setzt sich seinen Schlapphut auf, kneift die Augen zusammen und tönt sarkastisch: „Die Bürger, in der Tat, sie schlucken alles, sie konsumieren, sind unersättlich. Sie schwören auf Haltung, Rückgrat, wie sie sagen, setzen in Krisen auf Polizei und Maschinengewehre. Aber sie haben nicht verhindert, dass die braune Brühe von der Strasse an die Macht gelangt. Weisst Du wie? Ungeheuerlich! Demokratische Wahlen vollendeten den Rechtsputsch, die braunen Forstwarte rissen durch einen erklärten Notstand die Vollmacht an sich. Und ich? Ich verreiste. Zu meinem Freund Chingachgook. Doch der irrt heute verzweifelt im Dickicht der Städte herum. Hat die Fährte verloren. Nein, mein Traum hat mich getäuscht: Die USA waren nicht Dada-Land, sondern DISNEYLAND!
F.
HEIMKEHR
Trä-tä-tä!
Chingachgook war da.
Achtung:
Stacheldraht!
Ich
finde die Fährte am Holzschlag vorbei, zwänge mich unter Stämmen durch, schlage
mich durch Gestrüpp, überquere eine frisch gemistete Wiese, übersteige
elektrische Zäune, gelange durch eine Stier- und zwei Kuhweiden an einem Hof
vorbei zu einem gelben Wanderwegweiser an seinem Weg. Vertraute Farbe. Auf dem
zum Wald zurückweisenden Schild steht: „HAU“. Auf dem Schild in die
Gegenrichtung steht: „LUEGETE“. Auf den zwei anderen: „HAG“ und „HOF“. Ich bin
wieder daheim.
D. Die Auktion
A. LEGENDE MIT ANMERKUNGEN ZU
DEN BILDERN IM TEXT DER KUNSTSATIRE „AMERIKA WAR NICHT DADA“
Titelbild:
Pablo Picasso: Le déjeuner sur l’herbe (d’après Manet), 1960
A. Die Situation
Edouard Manet: Le déjeuner sur
l'herbe, 1863. Für die traditionelle
Kunstschau im Salon de Paris wurden 1863 nicht weniger als 5000 Bilder
eingereicht. Die konservative Jury wies 3000 davon zurück. Unter den abgelehnten
waren zahlreiche frühe Bilder der Impressionisten, also Werke der kommenden
Generation, deren Stil sich gerade herauszubilden begann. Manet hatte den
Einfall zu seiner Provokation, als er junge Frauen beim Baden an den Stränden der
Loire beobachtete. Sein Publicrelation-Aktion erregte umso mehr Aufsehen, als
Napoleon III. seinen kaiserlichen Widerwillen bekundete. Er hasse dieses Bild,
soll er bemerkt haben, das Objekt seines Hasses zog selbstverständlich das
öffentliche Interesse auf sich. Nach der Zurückweisung wurde das Gemälde mit
den anderen, welche vor der akademischen Jury keine Gnade gefunden hatten, auf
Geheiss des Kaisers im Salon des Refusés ausgestellt. Hier erlebte Manet einen
durchschlagenden Erfolg. Er galt von da an entschieden auch als führende
Autorität der neuen Malergeneration in Paris. - Neben dem schon um die Jahrhundertwende erworbenen Bild Manets hängt im Musée d’Orsay seit 1995 ein fast zur gleichen
Zeit entstandenes weit skandalträchtigeres Gemälde Courbets: „L’origine du
monde“. Courbet malte 1866 als Auftragsarbeit für den osmanischen Diplomaten und
Sammler Khalil Bey in naturalistischer Manier den Unterleib und die Vulva einer
nackten Frau, welche mit gespreizten Beinen auf einem weissen Tuch liegt. Als
Eingabe für die Kunstschau hätte es vermutlich die Ächtung des Künstlers
veranlasst. Es blieb weit über ein Jahrhundert, hinter Bildattrappen oder
Tresors versteckt, dem Blick der Öffentlichkeit entzogen und wurde zur Legende.
Khalil Bey musste es schon nach zwei Jahren versteigern. Von einem Pariser
Antiquitätenhändler ging es an einen ungarischen Sammler und wurde 1955 vom französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan
erworben. Nach dessen Tod gelangte es vorerst nach New York, wo es das Brooklyn
Museum erstmals öffentlich präsentierte. - Aufsehen erregte die Facebook-Zensur einer Abbildung von Courbets Gemälde. Die Zensoren liessen sich hereinlegen künstlerischen Naturalismus mit Pornografie zu verwechseln. Das Resultat ihrer Ignoranz wirkt peinlich.
B. Die Aktion
Claude Monet: Le déjeuner sur
l’herbe, 1865. Das grossformatige Bild,
Monets nicht-anstössige Version, wurde in der Kunstschau des Pariser Salons
1865 ausgestellt. Man erkannte und anerkannte in ihm eines der grossen
Frühwerke des Impressionismus, der Epoche, welche Monets Lebenswerk umfassend
und vielleicht am reinsten vertritt. Dieses anmutige Bekenntnis zur
Freilichtmalerei Monets etablierte sich, auch wenn es nicht wie zwei Jahre
zuvor Manets Version zum Publikumsmagneten wurde. Monets Atelier war die Natur,
er malte draussen im Licht, während Manet, der Schöpfer der anzüglichen
Freiluft-Ikone im Wald von Fontaineblau an der Atelier-Tradition festhielt.
Pablo Picasso: Le déjeuner sur l’herbe (d’après Manet), Oktober 1961
C. Der Irrgang durch die
unvollendete Synthese von Natur und Kunst
Kurt Schwitters: Anna Blume
und ich, 1919 Aquarell, Farbstift auf Papier
Bettina
Wachter: „Monitore“. Ausgestellt: Espace libre Bienne, Suisse 2007. Material: Plastikfolie,
Ölfarbe, Spray und Klebeband. Ausführung: billige schwarze Plastikfolie von
17-Liter-Abfallsäcken wurde, mit Altpapier gefüllt, zu „Kissen“ verklebt und in
abstrakt-gestischer Pinselsprache bemalt. (Angaben gemäss der Künstlerin)
Schwarzes
Lederkorsett und Reitpeitsche aus dem Erotikhandel.
Eine Licht-Installation Sylvie Fleuries
D. Die Auktion
Picasso : Studie zu Les
demoiselles d'Avignon, 1907
Otto
Dix: Lustmord, 1922. Das Gemälde ist verschollen, eine Farbaufnahme existiert
nicht. Wie zahlreiche Bilder geriet wohl auch dieses unter der
nationalsozialistischen Diktatur als sittlich verwerfliches Produkt in die
Mühle der Absonderung.
Otto Dix: Lustmord, 1922,
Aquarell, Versuch
Otto
Dix: Das Geschütz, 1914. Erster Weltkrieg: Dix meldete sich 1914 freiwillig zum
Kriegsdienst. Das frühe Kriegsbild entstand nach dem Abbruch des Studiums an
der Dresdener Kunstgewerbeschule unter dem Einfluss des Futurismus. Dix war zur
Entstehungszeit schon als Ersatzreservist zur Ausbildung einberufen, erlebte
die Front aber erst 1915. - Zu Otto Dix siehe am Schluss des Anhangs eine
ausführlichere Besprechung mit weiteren Beispielen.
George
Grosz: Die Kommunisten fallen und die Dividen steigen, 1919. Die zur Zeit der deutschen
Revolution (Bürgerkrieg) entstandene Foto-Lithographie wurde 1920 in der Mappe
„Gott mit uns“ publiziert.
George
Grosz: Explosion, 1917. Als Freiwilliger 1915 nach einer Stirnhöhlenoperation
als dienstuntauglich entlassen, wurde Grosz 1917 zur Aufstockung der durch den
Massentod gelichteten Kampftruppe erneut eingezogen, aber dienstunfähig in eine
Nervenheilanstalt eingeliefert. Das Bild, eine Allegorie der Kriegszerstörung,
ist Ausdruck der Desillusionierung des Künstlers. Expressionistischer Gestus
vereinigt sich in ihm mit kubistischen Gestaltungselementen. Das apokalyptische
Rot der Feuersbrunst dominiert. Die Farbe ist Fanal des Alarms gegen den Unsinn
des durch die Propaganda aufgezwungenen Durchhaltewillens
Sylvie
Fleury: Raketen, Atelierfoto 2015. Die Palette der Nagellackfarben
repräsentiert Fleurys kosmetische Boudoirwelt. Raketen oder geschrottete Autos,
Symbole männlicher Technik, spritzt sie mit dem Rot, Rosa, Pink femininer
Luxusartikel.
E.Kahlschlag
Ludwig
Meidner: Apokalyptische Landschaft, 1913. Meidner umschrieb 1914 mit
dramatischer Metaphorik sein Generalthema: „Malen wir das Naheliegende, unsere
Stadt-Welt! die tumultarischen Straßen, die Eleganz eiserner Hängebrücken, die
Gasometer, welche in weißen Wolkengebirgen hängen, die brüllende Koloristik der
Autobusse und Schnellzuglokomotiven, die wogenden Telefondrähte (sind sie nicht
wie Gesang?), die Harlekinaden der Litfaß-Säulen, und dann die Nacht ... die
Großstadt-Nacht..“ Wenn er dann brennende Städte unter Garben von Explosionen mit
wogenden Häuserfronten in Katastrophenpanik versinken liess, wenn er seit 1912 Visionen
kosmischer oder kriegerischer Zerstörungsgewalt heraufbeschwor, dann konnten
seine Bilder im Rückblick als Vorahnung des Weltkriegs gedeutet werden. Er
selbst bestätigte diesen Zusammenhang.
George
Grosz: Stützen der Gesellschaft, 1926. Grosz schrieb im 1925 mit Herzfelde
publizierten polemischen Artikel „Die Kunst ist in Gefahr“: „Wir… sahen die
neue grosse Aufgabe: Tendenzkunst im Dienste der revolutionären Sache.“ Das
bekannte Gemälde ist eine pathetische Karikatur der Repräsentanten des
herrschenden Systems. Grosz griff in ihr das Militär, die Staatsanwaltschaft
und den grossbürgerlichen Kapitalismus an. „Die Menschen sind Schweine“ lautete
das pessimistische Urteil über die
Klasse jener, die als Kriegstreiber und Kriegsgewinnler aus der Katastrophe Profit
geschlagen hatten. Wenn Grosz in Strichzeichnungen den fetten Fabrikherrn gleichsam
als Geldsack mit Monsterfratze und Zigarre in der fleischiger Hand über dem gespanntem
Genital darstellt oder den ausgemergelten Christus mit einer Gasmaske kreuzigt,
dann fordert er die Entrüstung der staatstragenden Elite, der Justiz und der
Kirche heraus. Grosz‘ Mappe „Gott mit uns“ sowie der ausgestopfte Soldat mit
Offiziersachselstücken und der Maske eines Schweinskopfs in der Ausstellung der
„ersten internationalen Dadamesse“ lösten 1920 eine Anklage „wegen Beleidigung
der Reichswehr“ aus. Der Staat trat auf den Plan und prozessierte gegen den
Exzess. Grosz‘ Zeichnungen wurden in Herzfeldes Malik-Verlag in einer
polizeilichen Razzia beschlagnahmt. Der Zynismus seiner Karikaturen ist
allerdings weit weniger politisch als moralisch motiviert. Brecht, der Grosz
als Bühnenbildner beschäftigte, ergötzt sich an seiner treffsicheren
Darstellung der „Visage der herrschenden Klasse“; er qualifiziert ihn nicht als
kommunistischen Klassenkämpfer, verteidigt aber seine Legitimation als Künstler.
Im Prozess um die Anklage wegen Gotteslästerung im ECCE HOMO Prozess 1924
schätzt sich Grosz selbst als „Moralisten“ ein. Die Weimarer Republik reagierte
noch gnädig mit Konfiskation und Bussen, schloss aber die Vernichtung von
Werken aus. Das auf dem Krawattenknopf aufgesteckte Hakenkreuz des mit dem
Kommerzdegen fuchtelnden Altherrn einer nationalistischen Verbindung, welchen
Grosz im Vordergrund seines Gemäldes „Stützen der Gesellschaft“ wohl kaum
übertrieben darstellt, vermittelt allerdings eine Vorahnung, welche Mächte auf
den Sturz der von Fememorden, Putsch und Strassenkampf bedrängten Republik
lauern. Im Blick auf das Kommende ist Grosz Werk eminent politisch.
Femily-Killer Emily+Miller :
X CHROMOSOMES, 2013,
Steel,
Faux Fur
George
Grosz: Geister, 1934, im US-Exil entstanden, Watercolor on paper.
Signiert,
datiert und mit Titel versehen: Grosz/1934 Bayside NY, N°4 Ghosts.
F. Heimkehr
George
Grosz: Texasbild für meinen Freund Chingachgook, 1915. Foto-transferierte Lithographie,
Exemplar im Brooklyn Museum.
Anmerkung
zu Prozessen von 1924 und 1928 gegen Grosz und seine Verleger: „Dem Künstler
und den Verlegern Julian Gumperz und Wieland Herzfelde wurde 1923/24 der Prozeß
gemacht, da ‚Ecce Homo‘ etliche Blätter enthielt, die ‚das Scham- und
Sittlichkeitsgefühl eines normal empfindenden Menschen in geschlechtlicher
Beziehung‘ verletzten - so die Anklage. ‚Dem Antrag des Staatsanwalts auf
Einziehung und Vernichtung der ganzen ,Ecce Homo'-Mappe trat das Gericht jedoch
nicht bei. Es verfügte lediglich, daß von den 84 Zeichnungen 17, von den 16
Aquarellreproduktionen fünf aus dem Werk zu entfernen seien‘ (Vossische
Zeitung, 17.2.1924, zitiert bei Alexander Dückers, George Grosz, Das druckgraphische
Werk, Berlin 1979“. (Nach Lempertz, Auktionshaus). - 1928 werden Grosz und
Herzfelde wegen der Christuskarikatur mit der folgender juristendeutscher
Differenzierungen zu einer Busse von 2000 Mark verurteilt: „Gasmaske und
Soldatenstiefel“ seien „im Verein mit den Christus in den Mund gelegten Worten...
als rohe und herabwürdigende Kundgebung der Missachtung eines von vielen
verehrten Symbols gelten, mit anderen Worten als eine Beschimpfung
christlich-religiöser Einrichtungen.“ Nach einer Revision erfolgte der
Freispruch. Im Fall dieses Prozesses war die „Unbrauchbarmachung“ des Originals
und der Druckerzeugnisse vorgesehen, konnte aber nicht durchgeführt werden. Das
inkriminierte Schlagwort des Untertitels der Karikatur lautet: „Maul halten und
weiter dienen.“ (Zitiert nach Uwe M.Schnede, George Grosz, S.179f.)
B. KUNST UND UNKUNST – EXKURS MIT BILD-BEISPIELEN ZU MANET-REMAKES UND DEM WERK VON OTTO DIX
1. LE DÉJEUNER SUR L'HERBE: ZU REMAKES VON MANETS IKONE
Manets „Déjeuner sur l’herbe“ wurde wegen der Provokation durch die Nacktdarstellung und den durch sie ausgelösten Skandal schon sehr bald zur Ikone. Neben stilistischen Variationen des Motivs in der Malerei und Graphik - etwa historisierend in altenglische Manier durch James Tissot um 1873 oder in der avantgardistischem Malerei um 1960 prominent durch Picasso - entstehen vor allem seit den Sechzigerjahren parodistische Fotomontagen oder als Fotos edierte plastische Nachstellungen. Im Angebot stehen szenische Arrangements mit lebenden Darstellern oder Modellen aus Kunststoff. Es handelt sich um Remakes, welche Manets Werk bald dem Original nahe oder in freier Umdeutung imitieren, bald pointiert variieren. Sie aktualisieren und verfremden das Motiv, indem sie es zum Beispiel aus der beschaulichen Natur in ein urbanes, durch die technische Zivilisation verändertes Umfeld versetzen oder indem sie das Outfit der Personen auffälligen Modetrends anpassen. Das Motiv des Anstosses zu Manets Zeit, die Nacktdarstellung einer Person, erfordert eine genauere Analyse.
Im
19.Jahrhundert war die Darstellung des nackten Körpers in der Genrekunst häufig
und - nicht nur in allegorisierender, sondern auch realistischen Manier -
keineswegs tabuisiert. Die Aktmalerei galt sogar als akademische
Königsdisziplin. Die Nacktheit des Frauenkörpers im Gemälde Manets erregte
hingegen um 1860 aus zwei Gründen Anstoss: Erstens stellte es die Frau in
Gesellschaft zweier bürgerlich gekleideter Männer gleichsam als Prostituierte
bloss, zweitens stellte es die Szene nicht nur sehr realistisch dar, sondern
porträtierte drei als Individuen erkennbare Persönlichkeiten aus dem Umfeld des
Künstlers, welche sich ihm als Modelle zur Verfügung gestellt hatten.
Die
Remakes von Manets Ikone spielen selbstverständlich wie das Vorbild mit dem
Thema der Nacktheit. Da sich Nacktheit zwar nicht in der Öffentlichkeit, wohl
aber in der Kunst des 20.Jahrhunderts von der Tabuisierung weitgehend befreit
hat, können die Remakes dem Motiv Raum zu neuen gesellschaftsrelevanten
Deutungen abgewinnen. Einige demonstrieren interessante, für die jeweiligen
Zeitumstände oder den kulturellen Hintergrund der Autoren aufschlussreiche
Varianten des Rollen- und Geschlechtertauschs, der Aufmachung und Ausstattung
oder des für das Arrangement gewählten Umfelds. Die Remakes im Raum können von
den Darstellern als Performance öffentlich inszeniert werden. Banale Beispiele,
von denen es zahlreiche gibt, sind nicht in die folgende Auswahl aufgenommen:
1. Seward Johnson: Déjeuner Déja Vu, Plastisches Remake, nachgestellte Szene mit Polyester-Figuren, Princetown 1994 (Herbstwald) und 2006 (Sommerwald)
2. John de Andrea: Remake Polyvinyl polychromed in Oil, 1982, Speed Art Museum
3. Christofer Chippendale: Foto eines Arrangements mit drei Personen von Chippendales Bruder, 1974
4. Salon des Artistes Francais, Grand Palais, Paris: Actualisation d'apres Manet en hommage au Salon des Refusés, 1975. Die Arrangements 3 und besonders 4 reflektieren wohl mehr als andere Remakes die Protest-Athmosphäre zur Zeit der 68-er-Bewegung, welche mit den bürgerlichen Tabus brach, mit Nacktauftritten für die Befreiung der Liebe sowie die Gleichschaltung der Geschlechter und gegen den bürgerlichen Ehezwang als Basis der geschlossenen Familie demonstrierte.
5. Yves Saint Laurent, Arrangement mit Kate Moss: Kate Moss for YSL, Spring/Summer 1999 by Mario Sorenti
6. Alain Jaquet, Parodie in Siebdruck, 1964
7. Elisabeth A.Meyer, Uncertain Parks, Disturbed Sites, Citizens and Risk Society: Müll-Version by collectif 6, 2007. Ein krasses Beispiel umwelt-aktivistischer Kunst.
8. Jeff Wall: The Storyteller, 1986. Ein Manifest gegen die Umweltzerstörung?
9. Undatierte Version, Wifipicning mit Labtops im Grünen
10. Eine undatierte islamistische Version
11. Eduard Planting Gallery, Amsterdam: E2-Ode to Manets Déjeuner sur l'herbe. Fine Art Photography, undatiert. Die pikante Version einer Umkehrung der Geschlechter.
12. Eine feministische Variante aus dem DIVA-Magazin um 2006
13. Eine erotische Variante der Browse Gallery, Art Photography, 2012
14. Freikörperkultur-Variante mit voyeuristischen Kameras
15. Remake auf Schallplattenhülle der New Wave Band "bow wow wow" von 1981
16. Foto-Nachstellungen von Details und ein Ausschnitt am Beispiel konkreter Kunst
Dame im Teich mit Boot
Sitzende inszeniert, 2000
Ein Beispiel konkreter Kunst
20. Druck auf textiler Fassade eines Kaufhauses in Weimar
2. ANMERKUNGEN ZUM WERK VON
OTTO DIX
Otto Dix, Erinnerung an die Spiegelsäle in Brüssel 1920
Otto Dix, Abendsonne in Ypern, 1918
(Ypern-Schlacht: 1915 und 17)
Otto Dix, Grosstadt, Tryptichon, 1927/28
Otto Dix, An die Schönheit, 1922
Der Lustmörder (Selbstbildnis) 1920
(Ypern-Schlacht: 1915 und 17)
Otto Dix, Grosstadt, Tryptichon, 1927/28
Otto Dix, An die Schönheit, 1922
„Der Leib der
nicht-offiziellen und intimen Rede ist ein befruchtend-befruchteter, ein
gebärend-geborener, verschlingend-verschlungener, ein sich trinkender, sich
entleerender, kranker, sterbender Leib.“ Der Satz aus den frühen
Zwanzigerjahren umschreibt eine in der Zeitgeschichte gegründete Erkenntnis,
welche Dix‘ Lebenswerk prägt. Das unbewältigte Grauen des Grabenkriegs, die
Erfahrung des Todesalltags mit seinem Verwesungsgestank, trifft auf den Kult
übersteigerter Lebenslust, auf die Vergnügungssucht der „goldenen“
Nachkriegsjahre. Das In- und Gegeneinander, die barock anmutende groteske
Divergenz und Paarung zweier Prinzipien, zieht sich als Leitthema durch Dix‘
Werk. In der malerisch opulenten Darstellung des Triptychons, welche sich
betont an altdeutsche Manier anlehnt, gestaltet Dix sein Thema als
gesellschaftskritische Allegorie. Das Werk entsteht 1927/28 kurz vor Anbruch
der für die Zukunft der Republik verhängnisvollen Wirtschaftskrise.
Dix durchlebte während den
Zwanzigerjahren die Hölle des Kriegstraumas. Der beinamputierte Soldat im
linken Flügel des Triptychons hat sich auf seinen Beinstelzen und Krücken in
ein elendes Quartier geschleppt und beäugt gebannt eine Hure, welche sich in
einer Gasse feilbietet. Sie schaut über die Schulter und zieht mit gekrallter
Hand den goldfarbenen Rock zur Hüfte hoch. Der Blick in die schillernde Welt
des Tanzsalons im Mittelteil des Triptychons ist dem Krüppel verwehrt. Dix litt
wohl seelisch, war aber körperlich vital und verkehrte als passionierter Tänzer
im gehobenen Vergnügungs-Milieu Düsseldorfs oder Berlins. Im Bild „An die
Schönheit“ von 1922 porträtiert er sich smart gekleidet im schummrigen Pomp
eines Animiersalons. In seiner Linken hält er den Hörer eines Kontakttelefons
und schaut mit maskulinem Blick entschlossen auf den Betrachter. Pointiert
stellt das Selbstporträt zur Schau, wie der Künstler als Dandy selbstbewusst
den hedonistischen Kult zelebriert.
Der Frontsoldat hat im Kampf
keine Wahl: er mordet um zu überleben, er wehrt sich gegen den Tod, der ihn in
der Trance des Kampfs umklammert. Die Spannung zwischen dem Todesgrauen, das
ihn in seinen Alpträumen heimsucht, und der Qual eines übersteigerten
Sexualtriebs, den er in der exzentrischen Bohème der Grossstadt auslebt,
durchwirkt das Trauma, das Dix als Kriegsheimkehrer „loswerden“ will, indem er
es durch seine Kunst, wie er sich ausdrückt, „bannt“. Auf diesem Hintergrund
ist das frühe Werk zu verstehen, in welchem sich die morbide Welt des Sterbens
vielfach mit exzessiver Darstellung sexueller Thematik verbindet.
Traum der Sadistin I, 1922
Der Lustmörder (Selbstbildnis) 1920


























































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